Artists

Žiga Kariž
Freud, Marx und Ich

30 April – 11 June, 2016

Opening: Friday, 29 April, 2016, 7 pm
Wed – Fri 2 p.m. – 7 p.m. | Sat 11 a.m. – 7 p.m.

Pressemitteilung      press release

 

Please scroll down for english version

cubus-m freut sich, mit Freud, Marx und Ich die erste Einzelausstellung des slowenischen Künstlers Žiga Kariž (*1973) in der Galerie zu präsentieren.

Karižs komplexes Gesamtwerk entwickelt sich zum Teil aus einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit der Tradition der Moderne und ihren Bild- und Werkfindungsstrategien. Von diesen ausgehend formuliert der Künstler seinen eigenen künstlerischen Standpunkt, in dem er die eigene Erinnerung (als ein Grundpfeiler des ‚Ichs’), den visuellen medialen Einfluss, Pop und gesellschaftspolitischen Diskurs auf allen Ebenen seiner Werke miteinander in Beziehung bringt.
In der Ausstellung präsentiert der Künstler eine Reihe neuer Arbeiten auf Leinwand sowie skulpturale Objekte. Die im vorderen Ausstellungsraum präsentierten Gemälde lassen sich in zwei große Werkgruppen gliedern: eine Serie von Akten aus dem Jahr 2015 und eine Serie neuer Arbeiten, die nicht verwendete Skizzen einer früheren Werkgruppe von 2009 neu interpretiert. Die Arbeiten beider Serien reichen vom kleinen bis zum monumentalen Format und nehmen, in einer Petersburger Hängung nicht hierarchisch oder thematisch gegliedert, die Wände des Raumes komplett ein. Ähnlich arrangiert wie die Gemälde, in den Worten Martin Kippenbergers in einer „Petersburger Stellung“, besetzt Kariž den hinteren Ausstellungsraum mit den Objekten, die formal auch Bezug auf frühere skulpturale Arbeiten des Künstlers nehmen. Bereits die Werkauswahl und Präsentationsform sind Ausdruck Karižs künstlerischer Strategie, in der er den immensen visuellen Fundus des Informationszeitalters und die selbstreflexive Betrachtung der eigenen Bildwelt (im Falle des Künstler Kariž bedeutet dies den Rückgriff auf das eigene Werk) in Verbindung bringt und überblendet.
Seine Serie der Akte lehnt Kariž unverhohlen an die Serie Nu Bleu I – IV (1952) von Matisse an, benutzt für seine Version der „cut-outs“ allerdings pornographisches Material aus dem Internet, aus denen er die weiblichen Körper auf einem grün-gelben Hintergrund aus Acrylfarbe zusammensetzt. Wie bei allen seinen Arbeiten auf Leinwand wird das Bildmaterial, das die Motive liefert, zunächst am Computer bearbeitet, und dann aus Prints im Standardformat 10 x 15 cm auf der bemalten Leinwand aufgebracht, was im Falle der Akte eine fast haptische Qualität der Haut bewirkt. Neben der expliziten Sexualität ist die Reduktion der Farbigkeit der Leinwände augenscheinlich und mag an die Greenscreen-Technologie erinnern, durch die Bildausschnitte vor einen beliebigen Hintergrund gesetzt werden können. Der Künstler verschafft sich so die größtmögliche Neutralität und überlässt es dem Betrachter, vor welchem Setting die Figuren sich ihm präsentieren. So reflektieren Karižs Akte über den (männlichen) Blick auf den weiblichen Körper und die Tradition des Aktes (bis hin zu Porno) und bleiben nicht im offenkundigsten Moment seiner Kunst hängen, dem Clash zwischen Hoch- und Trivialkultur, mit dem der Künstler grundsätzlich spielt. Die Reminiszenz an die Popkultur der 70er Jahre, die sich schon in der Ästhetik der Akte andeutet und der Kariž loyal verbunden zu sein scheint, überhöht er in der zweiten Serie der Gemälde noch um ein Vielfaches. Der Künstler bezieht sich in den Arbeiten explizit auf die Ära seiner Kindheit in den 70er Jahren, die er ohne Angst vor kitschiger Nostalgie vor dem Betrachter ausbreitet. Auf orange-grünen und in Brauntönen gehaltenen Leinwänden sieht man Motive aus Werbeanzeigen dieser Zeit (z.B. LEGO), die kombiniert werden mit Bildern von Pilzen, Zügen, verträumten Akten in der Natur, ein klischeebehaftetes Bildmetaphernvokabular der erwachenden kindlichen Sexualität. Es mag der Versuch sein, die kindliche Unschuld, den unverdorbenen Blick, wiederherzustellen, doch ist der Zweifel am Gelingen dieses Vorhabens den Werken immanent. Zwar bieten die Arbeiten auf den ersten Blick einen Kontrapunkt zur krassen Deutlichkeit der Akte, sind aber vielmehr als ihre Komplementierung zu verstehen. Um Sex geht es Kariž nur vordergründig, er erscheint als Abziehbild, das jegliche Intimität oder echte Sinnlichkeit vermissen lässt. Vielmehr reflektiert der Künstler auf der Projektionsfläche des Sex die Macht des medialen Bildes und dessen Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unseren Blick auf die Welt, die Rezeption und letztlich auch das Schaffen von Kunst. Die Bildwelten der Medien und deren Topoi sind in uns allen tiefgehend verwurzelt und im Informationszeitalter uns allen auch gleichsam gemein. Sie bestimmen unsere Erinnerung und unsere Wünsche und sind allumfassende Gleichmacher zwischen dem Hehrsten und dem Trivialsten. Der ‚unschuldige Blick’ scheint ebenso unmöglich, wie das Schaffen von etwas gänzlich Neuem. Es zählt zu Karižs großen Stärken, den Betrachter und sich selbst als Künstler gleichermaßen zu fordern, sich mit jedem neuen Werk an diesem Umstand abzuarbeiten.

Auch mit den Objekten im hinteren Ausstellungsraum öffnet der Künstler zunächst vielfältige Bezüge zur Kunstgeschichte. Sie bestehen zum Großteil aus Heinekenflaschen und deren Verpackungsmaterialien, gelegentlich auch aus Nutellagläsern, die zu modernistischen anmutenden Konstruktionen zusammengesetzt werden. Der Flirt mit Duchamp ist offensichtlich, man mag auch an Warhols Brillo Boxes denken. Die Flaschen und Kartons sind teilweise bemalt, so dass an machen Stellen nur noch der rote Heineken-Stern zu sehen ist. Natürlich kennt er die Macht der Logos. Und weiß noch mehr von deren Austauschbarkeit – am Ende verkauft ein roter Stern eben alles: Bier und Weltanschauung. Kariž spielt auch hier mit den sexuellen Konnotationen, die Bierflaschen eben wecken können und versenkt in einer seiner vielleicht vulgärsten und gleichzeitig schönsten Gesten der Ausstellung zwei von ihnen in einem Nutellaglas. Der rote Stern des Heineken-Logos, die psychoanalytischen Deutungsmöglichkeiten der im Glas versenkten Flaschen… man scheint den Titel Freud, Marx und Ich endlich fassen zu können.

Natürlich haben Freud und Marx, ähnlich wie Matisse und Duchamp, Porno und Bier, alles und nichts mit dieser Ausstellung zu tun. Der Künstler benutzt auch mit den zwei Säulenheiligen der Theorie der Moderne nur Abziehbilder und Images und spielt auch hier mit der eigentlichen Widersprüchlichkeit dieses Zusammentreffens. Auf eine lange Tradition von Fehlinterpretationen und Umdeutungen zurückblickend sind, aber selbst philosophische Positionen und wissenschaftliche Theorien in der kollektiven Rezeption kaum mehr als Klischees und lassen sich fast ebenso beliebig kombinieren und austauschen, wie die Bilder auf einem Greenscreen. Der Betrachter kann auch hier die Folie wählen, er liegt mit keiner wirklich falsch. Und mit keiner wirklich richtig. Kariž, der sich mit dem Titel selbstbewusst neben „Giganten“ stellt und gleichsam suggeriert, die Ausstellung könne etwas über ihn als Person preisgeben, zieht sich aber auch mit diesem Kniff augenzwinkernd aus der Affäre. Auch er selbst ist nur als Klischee zu fassen.

Žiga Kariž benutzt und bedient Images. Ihn interessieren dabei weniger die Kategorien, Festschreibungen und Traditionen, aus denen sein Material stammt, als die Kontexte, in denen er sie überführen kann. Die Uneindeutigkeit, die sein Werk bestimmt, ist keine Indifferenz oder der Rückzug in den sicheren Hafen der Ironie, sondern ergibt sich vielmehr aus der Gleichzeitigkeit und dem gleichberechtigten Zugriff auf sein visuelles Material und dessen Quellen. Mit dieser Strategie, wie mit seiner künstlerischen Praxis, gibt er eine Antwort auf die Frage, was das Medium Malerei, die zeitgenössische Kunst an sich, noch leisten kann, wenn weder der Blick des Künstlers noch der des Betrachters frei sind ­– von den Traditionen der Kunstgeschichte, den Missverständnissen der westlichen (Geistes-) Geschichte, den Allgemeinplätzen der Medien, der Oberfläche des Pop und allen Einschränkungen und Unausweichlichkeiten, die damit einhergehen. Seine Arbeiten ordnen sich dem medialen Bild nicht unter. Und er selbst ist zu clever, sich oder sein Werk einem künstlerischen, politischen oder theoretischen „-ismus“ anzudienen. Kariž reflektiert unsere visuelle Welt, den medialen Bild- und Theoriekanon, und löst in dieser Rolle als Beobachter sein Werk aus einer sich noch immer mehr und mehr beschleunigenden Massenkultur heraus und zeigt damit vor allem eines: die Möglichkeit des eigenen Standpunkts.

Sebastian Schemann


Žiga Kariž
, geboren 1973 in Ljubljana, studierte an der Universität in Ljubljana. Seine Arbeiten wurden in internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen, unter anderem im Künstlerhaus Wien, im Museum für moderne Kunst Thessaloniki,  Williamsburg Art and Historical Center Gallery Brooklyn New York, auf der 25. Biennale von Sao Paolo, auf der 54. Biennale in Venedig wurden seine Arbeiten in einer Grupennausstellung im italienischen Pavillon gezeigt. 2003 vertrat er Slowenien in einer Einzelausstellung im Slowenischen Pavillon auf der 50. Biennale in Venedig. Die Arbeiten von Zˇiga Karizˇ sind in privaten und institutionellen internationalen Sammlungen vertreten.

Mit freundlicher Unterstützung  der Republik Slowenien | Botschaft Berlin

……………………………………………………………………………………………………………………………………………….

cubus-m is delighted to present the gallery’s first solo exhibition by the Slovenian artist Žiga Kariž (*1973), Freud, Marx und Ich.

Kariž’s complex gesamtwerk develops partly out of the artist’s thorough examination of the modernist tradition’s strategies of image and process. From this starting point the artist formulates his own artistic position in which his own memories (the crucial ‘Me’) are bought into relationship with influences from visual media, pop culture and sociopolitical discourse on all levels.
In this exhibition the artist presents a new series of works on canvas as well a sculptural objects. The paintings hanging in the front room can be divided into two large bodies of work: a series of nudes from 2015 and a more recent series newly interpreting unused sketches from an earlier series from 2009. The works from both series range in scale from small to monumental, hung tightly together without hierarchy or thematic structure, occupying all wall space like a 19th century salon. Borrowing the method of Martin Kippenberger’s Peter. The Russian Position and in similar Hermitage arrangement to the front room, Kariž occupies the back space with objects which also refer to earlier sculptural pieces by the artist. The selection of work and way of presenting is a knowing expression of Kariž’s artistic strategy in which he connects and mixes together the immense realm of images from the information age and the self reflexive observation of one’s own visual world (for Kariž, looking back at his own work).
Kariž’s series of nudes unashamedly refers to Matisse’s Nu Bleu I – IV from 1952 but uses pornographic material from the Internet for his cut-outs, assembling the female body on a green-yellow acrylic paint background. As with all his works on canvas, the images that comprise the motifs are first worked on at the computer before being printed on standard photographic 10 x 15 cm sized paper which is then mounted onto the painted canvas, imparting, in the case of the nudes, an almost haptic quality to the skin. Alongside the sexually explicit imagery, the reduction of colour in the canvases is remarkable and may recall green screen technology in which the chosen image can be placed on an arbitrary background. The artist thereby creates the greatest possible neutrality and leaves it to the observer to choose the setting. In this way, Kariž’s nudes are a reflection of the (male) gaze on the female body and the tradition of the nude (including porn) but despite this we are not left at this most obvious point of his art, the clash between high and trivial culture with which the artist fundamentally plays. The memory of 70s pop culture, which the nudes hint at and to which Kariž seems loyal, is greatly exaggerated in the second series of paintings. In these works the artist explicitly refers to the era of his 1970s childhood which he spreads before us without fear of kitschy nostalgia. On orange-green and in the brown tones of bare canvas, motifs from advertisements of the time (like LEGO), are combined with pictures of mushrooms, trains, dreaming nudes in landscapes, a cliched visual metaphorical vocabulary of a child’s awakening sexuality. It may be the attempt to restore the childlike innocence, the untainted gaze, but the doubts about the success of this plan are already present. At first the works seem to offer a counterpoint to the crass clarity of the nudes but they are to be understood much more as their compliment. Kariž only deals with sex superficially, as a sticker that lacks any intimacy or real sensuality; the artist uses sex much more as a projection screen on which to reflect the power of the mediated image and its influence on our perception, view of the world, reception and ultimately on the creation of art. The image world of the media and its topoi are deeply rooted in us all and in this information age, equally common to all of us, it dictates our memories and our desires and is the universal leveller between the noblest and most trivial. The ‘innocent gaze’ seems just as impossible as creating something totally new. One of Kariž’s greatest strengths is this application of the spectator and himself as an artist to these conditions in each new work.

With the objects in the back room of the gallery, the artist also introduces diverse references to art history. The objects comprise in the main of Heineken bottles and their packaging materials and sometimes Nutella jars which are assembled into constructions reminiscent of modernist sculpture – the flirtation with Duchamp is obvious and one may also think of Warhol’s Brillo Boxes. The bottles and boxes are partly painted so that in some places, only the red Heineken star can be seen. Of course he knows the power of logos and knows even more about their interchangeability, in the end a red star sells everything – be it beer or world view. Kariž also plays here with the sexual connotations that beer bottles can awaken, making possibly the most vulgar and simultaneously beautiful gestures in the exhibition: two of them plunged into a Nutella glass. The red star of the Heineken logo, the possibilities of psychoanalytical meaning of bottles plunged into glasses… at last one seems to be able to understand the exhibition title, Freud, Marx and Me.

Of course Freud and Marx, just like Matisse and Duchamp, porn and beer, have everything and nothing to do with this exhibition. The artist also uses the holy pillars of modernist theory only as stickers and images, playing here also with the actual inconsistency of this conjunction. This conjunction of course has a long tradition of misinterpretation and reinterpretation of even these serious philosophical positions and academic theories so that in the collective reception they remain as little more than cliches, almost as arbitrarily replaceable as images in a green screen. The observer is free to choose their own background – nothing is really wrong but nothing is really right either. Kariž, purposely positioning himself next to ‘giants’, poses and hints that the exhibition could reveal something about him as a person but in this agile twist, he removes himself from the affair with a wink. He too can only be grasped as cliche.

Žiga Kariž uses and also serves images. The categories, formulas and traditions his images originate from interest him less than the contexts in which he can transform them. The ambiguity that defines his work is not indifference or a retreat to the safe haven of irony but rather arises from the equitable treatment of his visual material and its sources. Just as in his wider artistic practice, this strategy is his answer to the question that the medium of painting can still afford itself in contemporary art, where neither the artists’ gaze nor the spectator’s are free (from the traditions of art history, the misunderstandings of history and humanities in the West, the ubiquity of media, the surfaces of pop culture and all the limitations and inevitability that go along with them). His works do not subordinate the mediated image and he is too smart to offer his work to some political or theoretical ‘ism’. Kariž reflects our visual world, the mediated image and media theory canon and releases his work in this role as observer from a mass culture that is accelerating more and more and shows us one thing above all: the possibility of one’s own standpoint.

Sebastian Schemann

 

Žiga Kariž, born 1973 in Ljubljana, studied at the University of Ljubljana. His works were exhibited in international solo and group exhibitions. For example at Künstlerhaus Wien, museum for contemporary art in Thessaloniki, Williamsburg Art and Historical Center Gallery Brooklyn New York, the 25th Bienal de Sao Paolo, at 54th Biennal of Venice his works were exhibited in a group show at the pavilion of Italy. In 2003 Karizˇ represented Slovenia with a solo exhibition in the Pavilion of Slovenia at the 50th Biennal of Venice. The works of Zˇiga Karizˇ are part of international collections.

With friendly support of Republic od Slovenia | Embassy in Berlin

Download PDF