Artists

Kerstin Honeit
Talking Business

29 August – 10 October, 2015 | 11 am – 7 pm

Opening: Friday, 28 August, 2015 | at 7 pm

Artist talk with Marc Siegel
Wednesday, 30 September 2015, 6:30 pm

Pressemitteilung  Press release

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Das Drama beginnt mit dem Skript. Aus der Vogelperspektive sehen wir, wie die Hände einer Frau zwei Skripte für Talking Business auf einem grauen Tisch ablegen, bevor sie sich daneben auf den Tisch setzt. Ihr Gesicht ist nicht sichtbar. An die Stelle des Klangs ihrer Handlungen und des hochverstärkten Studiosounds rückt pompöse Musik, wie sie typischerweise dramatische Momente im Film oder Fernsehen begleitet. Black out. Neue Szene, andere Projektionswand. Gleiche Musik. Aus der Halbnahen wird der Tisch nun in einem Studiosetting situiert: Greenscreen, auffallende weiße Scheinwerfer und eine kleine, tragbare Projektionsleinwand im Hintergrund. Die Frau, die in einem blau-violett farbigen Overall am Tisch sitzt, liest, von der Kamera abgewendet, eines der Skripte. Sie wird begleitet von einer zweiten Person, eine elegante Frau in schwarzem Anzug und mit dünnem schwarzen Schlipps, die am Tisch sitzt und ebenfalls das Skript liest. Die Musik geht über in einen Dialog zwischen zwei Frauen; die Soundqualität der Aufnahme erinnert an einen Film- oder Fernsehsoundtrack. Die Stimme der älteren Frau drückt Unsicherheit darüber aus, wie die andere Frau anzusprechen sei. „Mrs Carrington“ ist der Name der Hinzugekommenen, wie dem weißen Text vor schwarzem Hintergrund auf der ersten Projektionswand zu entnehmen ist, der als eine Art verschobener Untertitel bzw. verschobene Übersetzung für den mündlichen Austausch dient. Dieser Text wird im Karaoke-Stil fortschreitend hervorgehoben, so dass wir ihn mitsprechen oder lautlos mit unserem Lippen nachformen können und damit teilhaben können an dem sich entwickelnden Drama zwischen dem Skript und den Frauen, zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort. Zum Zeitpunkt an dem die dritte Projektionswand aktiviert wird und das Studiosetting wiederkehrt – dieses Mal leer bis auf ein projiziertes Bild der Begegnung der Frauen auf der hinteren Leinwand –, ist langsam deutlich geworden, dass sich Kerstin Honeits dreiteilige Videoinstallation Talking Business (2015) vielmehr dem Geschäft des Sprechens als dem Sprechen über Geschäfte widmet.

Talking Business spielt auf das spannungsgeladene initiale Treffen von Alexis Carrington Colby (Joan Collins) und Krystle Carrington (Linda Evans) in der ersten Episode der zweiten Staffel der TV-Serie Dynasty (dt.: Der Denver Clan) aus der Reagan-Ära an. Doch Honeit bewahrt uns vor dem Spektakel des berühmten Zickenkriegs, der die Beziehung der beiden Frauen auszeichnet, die Einschaltquoten sicherte und Alexis und Krystle einen Platz in dem Camp-Archiv von Drag-Personifikationen garantierte. Stattdessen unterzieht sie der Szene dieses ersten Treffens auf clevere Art und Weise einer Reihe von Verschiebungen, von einer Projektionswand zur nächsten, von Deutsch zu Englisch und – am beeindruckendsten – von der Vortäuschung Onscreen hin zur emotionalen Bindung im Off.
Letzteres wird in Honeits Dynasty vor allem durch Gisela Fritsch und Ursula Heyer bestimmt, den Schauspielerinnen, die ihre Stimmen den Charakteren von Alexis und Krystle für die deutsche Synchronisation der Serie verliehen. In enger Zusammenarbeit mit den zwei Sprecherinnen in ihren Siebzigern – Gisela Fritsch verstarb traurigerweise noch während der Kollaboration – kitzelt Honeit die Spannung zwischen dem Sprechen und dem Spielen einer Rolle heraus, zwischen dem Synchronisieren von glamourösen Frauen und ihrer Verkörperung.
An einem Punkt während der Proben mit Honeit reflektiert Heyer über die Selbstbestimmung, die sie durch eine von Alexis geborgte Phrase für den Gebrauch in ihren täglichen Leben erfuhr: „Ich dachte, dass ich, wenn ich meine eigenen Worte verwende, es nicht schaffe werde, Leute mitzureißen. Aber wenn ich einen Satz wie ‚Bevor ich noch einmal zu dir komme wird es in der Hölle schneien‛ sage, dann lachen die Leute.“ „Du warst immer so viel mehr Alexis als ich Krystle war“, bemerkt Fritsch.

Talking Business ist ein weiterer Beitrag zu Honeits fortlaufender künstlerischen Auseinandersetzung mit der Stimme, der Verkörperung und den Techniken audio-visueller Synchronisation. Man denke beispielsweise an ihre frühere Installation On and Off (2010) und Pigs in Progress (2013). Doch während diese Arbeiten Honeits eigenen Körper als den Ort der Synchronisation einsetzten – dem Raum von dem aus ein sozialer und politischer Diskurs spricht – fokussiert Talking Business stattdessen auf die Körper professioneller Schauspielerinnen, die vorranging durch ihre Stimmen bekannt sind. Honeit ist natürlich dennoch auch in Talking Business immer noch sichtbar. Sie ist die elegante Frau in der zuvor erwähnten Einstellung, der aus früheren Arbeiten wiedererkennbare Dandy. In dem Studiosetting synchronisiert sie sich sogar selbst ausgehend von früherem Probenmaterial mit den Schauspielerinnen. Im Verlauf des Stücks funktioniert sie jedoch wie eine Art Moderatorin, was es Heyer und Fritsch ermöglicht, ihre Stimmen nicht mehr nur den für die berühmten Fernsehstars geschriebenen Worten zu verleihen, sondern auch denjenigen, die ihre eigene konfliktbehaftete Beziehung zur weiblichen Verkörperung und medial vermittelter Präsenz beschreiben.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Talking Business sich nicht darum bemüht, irgendeine Art von demystifiziertem echten Leben zu präsentieren, dass durch die Fiktionen eines Skripts oder der industriellen und technischen Produktion des Glamours verdeckt wurde. Worum es Honeit vielmehr geht, ist ein kritisches Aufdecken der „Technologien des Gender“, um ein Konzept der Filmtheoretikerin Teresa de Lauretis aufzurufen. Deutlich wird dies in einem der für mich ausdrucksstärkten Momente in dieser neuen Arbeit: wir hören eine Audioaufnahme von Heyers klangvoller Stimme als die manierierte Alexis und sehen zur gleichen Zeit Archivmaterial von der Verwandlung der Schauspielerin in Joan Collins unter der Hand eines Haar- und Makeup-Künstlers. Zugleich sieht man auf einer anderen Projektionswand das Bild eines laufenden Tonbandgeräts auf Heyers Zeitungspapierausschnitten über ihr Leben als Carrington/Collins. Honeits Synchronisation von Sound und Bild über diese Projektionswände hinweg rückt die medial vermittelte und diskursive Konstruktion einer geteilten weiblichen Subjektivität in den Fokus, entstanden an den Schnittstellen von Repräsentation und Selbstrepräsentation, an den Kreuzungen von sozialer Technologie, institutionellen und kritischen Diskursen und medialer Praxis.

Und die dritte Projektionswand? Die ist reserviert für Amateure wie uns, um mitzulesen und sich mit unseren eigenen Akten der Synchronisation auseinanderzusetzen, wie auch immer das angelegt oder – im Rahmen einer kommerziellen Galerie – eingeschränkt sein möge. Honeits Geste hin zur Interaktivität bezieht Ausstellungsbesucher_innen nicht zwangsläufig in das „Geschäft des Sprechens“ ein, gibt uns aber ganz sicher die Möglichkeit zu erfahren, wie seltsam, entfremdend und bekräftigend es sich anfühlen kann, die Worte der Stars in unseren eigenen Mund zu nehmen.

Marc Siegel

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The drama begins with the script. In an overhead shot of a grey table, we see a woman’s hands lay down two scripts for Talking Business before she sits down on the table next to them. Her face is not visible. The sound of her actions and the highly amplified location sound of an empty room give way to the overblown music that typically accompanies dramatic moments on film or television. Black out. New scene, different screen. Same music. A medium shot now situates the table in a studio setting: green screen, prominent white lights, and a small portable projection screen in the back. The woman, perched on the table in blue violet overalls, faces away from the camera, while reading one of the scripts. She is accompanied by a second person, an elegant woman dressed in a dark suit with a thin black tie, sitting at the table, also reading the script. The music segues into a dialogue between two women; the sound quality of the recording suggests a film or TV soundtrack. An elderly female voice expresses uncertainty about how to greet another woman. “Mrs. Carrington” is the newcomer’s name as indicated by white text against the black background of the first screen, which serves as a kind of displaced subtitle/translation for the aural exchange. This text is progressively highlighted, Karaoke style, so we can speak or mouth along and thereby take part in the unfolding drama between the script and these women, between the written and the spoken word. By the time the third screen is activated and the studio setting returns, empty this time except for projected images of the women’s encounter on the rear screen, it has slowly become clear, that Kerstin Honeit’s three screen video installation Talking Business (2015) is much more about the business of talking than about the talk of business.

Talking Business turns on the tense initial meeting of Alexis Carrington Colby (Joan Collins) and Krystle Carrington (Linda Evans) in the first episode of the second season of the Reagan-era TV series Dynasty. But Honeit spares us the spectacle of the famous cat fights that marked the women’s relationship, secured the show’s ratings and guaranteed Alexis and Krystle a spot in the camp archive of drag impersonation. Instead, she cleverly subjects the scene of the women’s initial meeting to a series of displacements, from one screen to the other, from English to German, and–most strikingly–from on-screen pretense to off-screen investment.
The off-screen of Honeit’s Dynasty is peopled first and foremost by Gisela Fritsch and Ursula Heyer, the actresses who lent their voices to the characters of Alexis and Krystle for the German synchronized version of the show. Working closely with the two septuagenerian voice actresses–Gisela Fritsch sadly died during the course of their collaboration–Honeit teases out the tensions between speaking a part and playing it, between dubbing glamorous women and embodying them. At one point over the course of rehearsals with Honeit, Heyer reflects on the empowering act of employing Alexis’s turns of phrase in her daily life: “I thought if I use my own words, I won’t manage to engage people. But when I said a sentence like, ‘It’ll snow in hell before I see you again,’ then people laughed.” “You were always so much more Alexis than I was Krystle,” notes Fritsch.
Talking Business is a further contribution to Honeit’s ongoing artistic investigation of the voice, embodiment, and the technologies of audio-visual synchronization. Think for instance, of her earlier installations On and Off (2010) and Pigs in Progress (2013). Whereas in these pieces, Honeit employs her own body as the site of synchronization – the space from which social and political discourse speaks – Talking Business focuses instead on the bodies of professional actresses known primarily for their voices. Honeit is, of course, still visible in Talking Business. She’s the elegant woman in the aforementioned shot, the dandy recognizable from her other work. In the studio setting, she even dubs herself from earlier rehearsal footage with the actresses. Throughout the piece, however, she functions more like a moderator, who enables Heyer and Fritsch to give voice not merely to the words written for famous TV stars, but to those describing their own conflicted relationship to female embodiment and mediated presence.
That said, Talking Business does not strive to present some kind of demystified real life that was obscured by the fictions of a script or the industrial and technological production of glamor. What Honeit’s after is rather a critical laying bare of “the technologies of gender,” to invoke a concept from film theorist Teresa De Lauretis. That becomes clear in one of the most powerful moments in this new work. We hear an audio recording of Heyer’s resonant voice as the affected Alexis, and at the same time watch archival footage of the actress’ transformation into Joan Collins at the hands of a hair and makeup artist. We see as well–on another screen–an image of a spinning reel-to-reel audio player atop Heyer’s newspaper clippings about her life as Carrington/Collins. Honeit’s synchronization of sound and images across these screens brings into focus the mediated and discursive production of a split female subjectivity, one produced at the intersection of representation and self-representation, at the crossroads of social technologies, institutional and critical discourses, and media practices.

And the third screen? That one’s reserved for amateurs like us, to read along and engage in our own acts of synchronization, however invested or subdued they may be in the space of a commercial gallery. Honeit’s gesture towards interactivity does not necessarily implicate gallery visitors in talking business, but it certainly gives us a chance to experience how awkward, alienating and empowering it can feel to take a screen star’s words into your own mouth.

Marc Siegel

 

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