Artists

Andrea Knobloch
don’t listen to the early birds

27 June – 8 August, 2015

Finissage: Saturday, 08 August, 2015
Artist talk with Andrea Knobloch and Mathias Heyden at 5 p.m.

Pressemitteilung   Press release

 

 

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„Aber etwas war nicht mehr richtig zwischen mir und dem Baum. Zwar erneuerte sich die Aufregung des Vortags, doch verengte sie diesmal den Blick und ließ das beiläufige, selbstlose Schauen zu einem absichtlichen, übereifrigen werden. Wohl sah ich in der kleinen Welt wieder eine größere, doch damit dies geschah, tat ich selber, über den bloßen Blick hinaus, etwas dazu; jene größere Welt ereignete sich nicht mehr so vollkommen zwanglos wie gestern […].“[1]
Zwei – uns allen bekannte – Möglichkeiten des Sehens auf die vertrauten Gegenstände der Welt beschreibt der Protagonist in Peter Handkes Novelle, den beiläufig-unmittelbaren, die Assoziationen ausschließenden Blick und das bewusste, verstandesbetonte, gestaltende Schauen. So sieht der Erzähler am zweiten Tag „an der Stelle der rautenförmigen Wurzelmuster die langobardischen Knotenornamente“ und versucht, „das Vergleichsbild abzuschütteln.“[2] Vergleichbare Bilder evozieren die in der Berliner Galerie cubus-m ausgestellten Arbeiten Andrea Knoblochs. Die in Düsseldorf lebende Künstlerin zeigt eine zentrale, zweiteilige Installation: Beide lassen eine Metaphorik des Waldes anklingen, bestehend aus eigens konstruierten Modulsystemen, die, zwischen Abweichung und Wiederholung oszillierend, Raum besetzen und gliedern. don’t listen to the early birds setzt sich zusammen aus mehreren an Vogelkäfige erinnernden Drahtgebilden, die es zu durchwandern gilt. Aus ihnen tönen mechanisch erzeugte Vogellaute. Der Titel rekurriert auf einem Erlebnis der Künstlerin in China, wo Straßenverkäufer die akustische Anpreisung ihrer Waren von Tonbandgeräten abspielten. Bei Unkenntnis der Sprache vermengen sich diese wiederkehrenden Geräusche zu einer melodiösen, abstrakten Klangfolge – gleich einem Vogelgesang.
Ausgehend von vertrauten, uns im Alltag vielfach begegnenden, latent ubiquitären Grundformen, wie u.a. Rhombus, Quadrat, Kreis, Dreieck und Sechseck knotet Andrea Knobloch ihren Wald aus zartgliedrigen Raumskulpturen. Für sie ist es eine Referenz an Architekturkonzepte des frühen 20. Jahrhunderts mit der Problematik, bei gleichzeitiger Standardisierung akzeptablen, gesunden Wohnraum für viele Menschen zu schaffen. Das Raster, englisch Grid, Paradigma der Moderne, spiegelt sich auch in der Reliefwand ihres Wirtschaftswaldes wider: aufgefaltete, bedruckte Produktverpackungen aus weißer Wellpappe, als aufgestülpte, plastisch in den Raum ragende Bilderwand bzw. Wand-verkleidung, die das wiederholt auftretende Motiv einer abblätternden Hausfassade zeigt. Spuren von Verwitterung bei der Rückeroberung kultivierter Räume durch die Natur? Die Steigerung der Wirtschaftlichkeit eines Waldes heute über rasterartig angelegte Baumplantagen?

Charakteristisch für die Herangehensweise Andrea Knoblochs ist das Hin- und Herschweifen ihres Blicks, der Wechsel zwischen Erkenntnisprozess und physischem Akt im Umgang mit dem „handwerklich“ verarbeiteten Material einschließlich seiner spezifischen Eigenschaften, d.h. ihrem Auge fürs Detail und für den uns umgebenden gesellschaftspolitischen Kontext, den sie innerhalb ihrer künstlerischen Sprache Gestalt werden lässt.

Dr. Ursula Ströbele

[1] Peter Handke, Kleine Fabel der Esche von München, in: ders., Noch einmal für Thukydides, München 1997, S. 91-101, hier S. 96.
[2] Ebd., S. 97.

Andrea Knobloch (*1961) studierte Freie Kunst und Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und an der Kunstakademie Düsseldorf, wo sie 1992 ihren Abschluss als Meisterschülerin bei David Rabinowitch machte. Mit ihren Arbeiten und Projekten ist sie seither national und international in zahlreichen Ausstellungen vertreten, so bereits im Museum Kunstpalast, Düsseldorf, dem Neuen Gießener Kunstverein, dem Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, dem Organhaus Art Space Chongqing, China, und dem Festival der Regionen in Linz, Österreich. Die Künstlerin erhielt bereits mehrere Preise und Stipendien, unter anderen der Stiftung Kunstfonds, Bonn (1997), der Kunststiftung NRW (2002) und der Akademie einer anderen Stadt – Kunstpalttform der Internationalen Bauausstellung IBA Hamburg (2011, als Künstlerin und Kuratorin gemeinsam mit Ute Vorkoeper). Andrea Knobloch lebt und arbeitet als Künstlerin, Kuratorin und Dozentin in Düsseldorf.

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“But something wasn’t right between me and the tree any more. Even though the excitement of yesterday was renewed, it narrowed the eyes and let the casual, disinterested look become deliberate and overzealous. I suppose I saw in the small world a larger one again but in order for that to happen, I did something more than simply look; that larger world was not as totally useless as it was yesterday […].”[1]
The protagonist in Peter Hanke’s novel describes two possibilities of looking at the familiar objects in the world – known to us all – the casual, intuitive, view, free from association and the conscious, rational, formative gaze. This is what the narrator sees on the second day “at the place of the diamond-shaped pattern of roots in the Lombard ornamental knot” and tries to “shake off the comparative image.”[2]
The work of Andrea Knobloch in cubus-m gallery in Berlin evokes just such comparative images. The Düsseldorf based artist presents a central, two-part installation: both resonate with the metaphor of the forest and are comprised of modular systems, specifically constructed for the exhibition, that oscillate between divergence and repetition, occupying space and organising it. don´t listen to the early birds is formed from a number of wire structures, reminiscent of bird cages, each one attached to diagonal poles, that we can walk through. Mechanically produced bird sounds emanate from them.The title refers to the artist’s experience in China, where street-sellers marketed their wares by playing audio tapes. When the language is not known, this repetitive sound blends into a melodic, abstract sound sequence – just like a birdsong.
Andrea Knobloch starts with the latent, ubiquitous shapes that we meet every day: rhombus, square, circle, triangle and hexagon and knots her forest together into a delicate spacial sculpture. One of her references is to architectural concepts from the early 20th century, with its concern for standardisation while at the same time providing acceptable, healthy living spaces for lots of people. The grid, the modernist paradigm, is also reflected in her Wirtschaftswald (working forest) relief: printed, folded white cardboard product packaging as stacked up picture wall or wall covering, loomingout into the space, exposes the repeating motif of a peeling house facade.Traces of the weathering of cultivated spaces conquered by nature? The enhancement of a forest’s economic production through grid-like tree planting?

A characteristic of Andrea Knobloch’s approach is the wandering to and fro of her gaze, the exchange between the cognitive and the physical act in connection with the “craft” of the worked material including their specific properties; her eye for detail and for the sociopolitical context around us which her artistic language brings to form.

by Dr. Ursula Ströbele

[1]       Peter Handke, Kleine Fabel der Esche von München, in Noch einmal für Thukydides, München 1997, p. 96
[2]       Ibid. p.97

Andrea Knobloch (*1961) studied fine art and sculpture at the University for Fine Arts in Hamburg (HFBK) and at the Art Academy in Düsseldorf where she graduated in 1992 from David Rabinowitch’s class. Her work has been shown at many national and international exhibitions since then and recently at the Museum Kunstpalast, Düsseldorf, the Neue Gießener Kunstverein, the Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, the Organhaus Art Space in Chongqing, China, and the Festival der Regionen in Linz, Austria. She has been awarded may prizes and grants such as the Stiftung Kunstfonds, Bonn (1997), der Kunststiftung NRW (2002) the Akademie einer anderen Stadt (Academy of Another City) – art platform of the International Building Exhibition IBA Hamburg (2011, as artist and curator together with Ute Vorkoeper). Andrea Knobloch lives and works as an artist, curator and lecturer in Düsseldorf.

 

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