Artists

Jan Hostettler
Ziele

2 May – 20 June, 2015

Opening: Friday, 1 May, 2015 at 6pm

Pressemitteilung      Press release

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Wer wandert, gibt dem Blick eine Richtung. Man geht auf ein Ziel zu und richtet den Blick auf etwas. Gleichzeitig ermöglicht das Wandern aber auch Momente, in denen man den Blick schweifen lassen kann, in denen er Freiheiten geniesst und ohne Regeln und Plan umherstreifen darf. Jan Hostettler sucht in seiner Arbeit genau diese Spannung zwischen dem fokussierenden Blick, der das Objekt seines Betrachtens festsetzt und definiert und einem Blick, der sich den Dingen eher fragend nähert.

Im Herbst 2012 macht sich Jan Hostettler auf nach Süden. Vom Grossen Sankt Bernhard wandert er auf der Via Francigena nach Rom. Die Via Francigena – der Frankenweg – ist eine der ältesten Routen vom Norden in den Süden quer durch Europa. Sie wurde berühmt durch die Aufzeichnungen des Erzbischofs Sigeric von Canterbury, der sie im Jahr 990 n. Chr. als Reiseroute nach Rom wählte. Die Stationen seiner Reise hielt er in seinem Tagebuch fest.

Jan Hostettlers Wanderung vom Grossen Sankt Bernhard nach Rom dauert vierzig Tage. Einmal am Tag, gegen Mittag, hält er inne. Es ist der Moment, in welchem er die Kamera – eine analoge Mittelformatkamera, Franka Solida – hervorholt, sie Richtung Süden ausrichtet, einen Ausschnitt wählt – und abdrückt. Eine einzige Fotografie für jeden einzelnen Reisetag.

Gehen ist für Hostettler eine Methode den Blick auf seine Umgebung zu schärfen. Auf seinem Fussmarsch findet er haufenweise leere Schrotpatronen. Jedes seiner auf der Reise geschossenen Bilder erhält eine solche farbige Patronenhülse als Begleiter in den Bilderrahmen gestellt. Sie harmonieren so gar nicht mit den ruhigen Landschaftsaufnahmen in Schwarz und Weiss. Und doch ist die Analogie zwischen Fotografie und Jagd offensichtlich. Schnell wird klar, dass der Künstler eine Affinität zu Spielereien der Sprache hat. Er lässt sich von ihnen leiten oder baut sie in seine Arbeiten ein, wenn sie ihm begegnen. Dadurch bringt er Dinge, die sich eigentlich fremd sind, in einen gemeinsamen Kontext. Im Falle von Stroll, Fall (2013) führt das unweigerlich zu Fragen: Was ist das für eine Gegend zwischen den Schweizer Alpen und dem Süden Italiens, die schon der Erzbischof von Canterbury vor rund tausend Jahren beschritt? Was ist das für eine Landschaft, die aus Steinen, Gestrüpp und Wald besteht und die, so scheint es, für die Anwohner eher Jagdgebiet als historisches Kulturgut ist?

Zwölf ausgewählte Bilder der vierzigteiligen Serie sind nun bei cubus-m zu sehen. Die Fotografien werden dominiert von einer hohen Horizontlinie und grafisch anmutenden Landschaftsgebilden. Dabei kontrastieren die deutlichen Linien die schwammige Materialität von Gras, Gestrüpp, Wald und Weg im unteren Teil der Bilder. Die Fotografien beinhalten – gleich dem Blick des Wanderers – klar definierte Elemente wie auch Momente, die den Blick suchen lassen und die Frage Was-ist das? aufwerfen. Die Patronenhülse ist dabei wie ein Fingerzeig, der uns mahnt, dass diese Landschaft wohl immer etwas anderes ist, je nachdem wer zu welchem Zweck seinen Blick oder seine Flinte auf sie richtet.

Wer geht, der entdeckt. Bei einem Streifzug durch die Stadt fällt der Blick des Künstlers auf einen Brunnen. Von zwei gegenüberliegenden Wasserspeiern fliesst jeweils ein Wasserstrahl in das Becken und füllt es mit Wasser. Zwei Bewegungen, einander entgegen gerichtet und doch versinken sie voreinander im Becken des Brunnens ohne sich zu treffen. Ein Strahl spiegelt den anderen. Sie sind nicht bestimmt sich zu berühren. Mit einer kleinen Drehbewegung am Wasserhahn wird die Wasserzufuhr langsam erhöht. Was zuvor gemächlich vor sich hin plätscherte, schwillt allmählich zu einem kräftigen Strom an. Die Wasserstrahlen kreuzen sich in der Mitte, um sich dann über den jeweils gegenüberliegenden Rand des Brunnenbassins hinaus auf die Strasse zu ergiessen. Dann kehren sie langsam wieder zurück, als wäre nichts gewesen. Der Streich eines Jungen? Es ist auch eine Methode Hostettlers – das Spielerische. Ein bisschen drehen, an den Dingen herumspielen, ein wenig an den gegebenen Umständen schrauben – und schon ist der Brunnen nicht mehr Brunnen, das Wasserbecken verliert seine Wasserzufuhr und das idyllische Wasserspiel wird zur nassen Lache auf dem Boden. Mit einem kleinen Eingriff überwindet Hostettler hier den gegebenen Raum und die Grenzen, die ihn definieren. Die Bewegung des Wassers schiesst über ihr Ziel hinaus, der Raum wird durch die Bewegung aufgebrochen.

Jan Hostettlers Arbeiten lassen sich leiten von der Bewegung. Er geht mit wachem Blick durch die Welt. Sein Interesse gilt den Dingen um ihn herum. Mit kleinen Veränderungen und einfachen Setzungen manipuliert er seine Umgebung so, dass der Betrachter unweigerlich stehenbleiben und sich fragen muss: Was ist das eigentlich, das sich mir hier zeigt?

Anita Vogt, Basel

Jan Hostettler (*1988) absolvierte von 2008 – 2011 seinen Bachelor in Bildender Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel mit Kursen bei Jürg Stäuble, Muda Mathis und Dr. Roman Kurzmeyer. Mit seinen Arbeiten war Hostettler in Ausstellungen verschiedener Museen und Galerien in seiner Heimat Schweiz und international vertreten, u.a. in der Kunsthalle Basel, dem Kunsthaus Baselland und Kunstmuseum Solothurn. In den USA und in Kanada zeigte er seine Arbeiten in verschiedenen Kunsträumen in New York, Ruthland (VT) und Montréal.

Für sein Werk wurde Jan Hostettler bisher mit Auszeichnungen und Stipendien vom Kunstverein der Stadt Solothurn, dem Förderpreis Bildende Kunst Kanton Solothurn, dem Reisestipendium des Atelier Mondial Basel, dem Reisestipendium der Albert Friedrich His Stiftung, Basel und einem Atelierstipendium in der Fonderie Darling Montréal, Kanada ausgezeichnet.

 

Anita Vogt (*1987) studierte Germanistik, Philosophie und vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Basel mit Fokus auf literatur- und kulturwissenschaftlicher Praxis und Theorien der Ästhetik.

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The walker bestows a direction on his or her viewpoint. One approaches a destination and looks out over something; at the same time wandering allows the gaze to sweep about, enjoying its freedom to roam without rules or plans. Jan Hostettler’s work searches for just this sort of tension between the focussed gaze which fixes and defines the object of observation and a viewpoint which approaches things more questioningly.

In autumn 2012 Jan Hostettler headed south, from the Great St Bernard Pass he walked the Via Francigena to Rome. The Via Francigena – the Frankish Way – is one of the oldest routes from north to south crossing Europe. It became known through Sigeric the Archbishop of Canterbury’s descriptions when he used it in the year AD 990 to travel to Rome, recording the journey in his diary.
Jan Hostettler’s journey from the Great St Bernard Pass to Rome took forty days. Once a day, around midday he paused. This is the moment he took his camera, an analogue medium format Franka Solida camera, pointed it towards the south, framed a shot and pressed the shutter. One single photograph for each day of the journey.

Walking is Hostettler’s way of sharpening his view of what surrounds him. On his journey by foot he found a great deal of empty shotgun cartridges and every picture taken along the way is accompanied on the picture frame by one of the colourful canisters. They purposefully do not harmonise with the quiet black and white landscape shots and yet the analogy between photography and hunting is laid bare. It quickly becomes clear that the artist has an affinity with language games. He allows himself to be guided by them or builds them into works if they arise and in this way he brings together into a common context things that are actually unrelated. In the case of Stroll, Fall (2013), the inevitable question arises of what sort of region is this actually between the Swiss Alps and Southern Italy that the Archbishop of Canterbury trod nearly a thousand years earlier? What sort of landscape is this, comprising stone, scrub and forest, which the inhabitants seemingly consider more hunting ground than historical cultural asset?

Twelve selected pictures from the series of forty are now shown in cubus-m. The photographs are dominated by a high horizon and graphical landscape features. In this way the clear lines contrast with the porous materiality of grass, scrub, forest and path in the lower half of the pictures. The photographs contain – just as the gaze of the wanderer does – clearly defined elements as well as moments where the gaze searches and questions arise of what is seen. The cartridge, like a raised finger, warn us that this landscape is always something other, depending on who directs their gaze or their gun at it and to what ends.

Those who travel discover things. Wandering through a town, the artist’s gaze alights on a fountain. From each of the two opposing spouts flows a stream of water which fills the basin with water; two flows directed at each other but falling into the basin in front of each other before they meet. With a small twisting motion on the water spout, the water pressure slowly begins to rise. What once splashed gently gradually swells into a powerful stream. The water jets cross in the middle, emptying themselves over the opposite edge of the fountain basin and pouring out onto the street before slowly returning to their former state as if nothing happened. A small boy’s trick? The playful is another of Hostettler’s methods. A little turn, playing around with things, screwing around a little with what is at hand and soon the fountain is no longer a fountain, the water basin loses its supply and the idyllic play of water is a wet puddle on the floor. With this small intervention, Hostettler transcends the space at hand and the boundaries it defines. The flow of water overshoots its target, the space is prised apart.

Jan Hostettler’s works are guided by movement. He goes through the world with a watchful gaze. His interests are applied to what is around him. With small changes and simple interventions he manipulates his surroundings so that the observer inevitably has to stop and ask what is it exactly, that is being shown to me here?

 Anita Vogt, Basel

 

Jan Hostettler (*1988) did his Fine Art BA between 2008 – 2011 at the Basel Academy of Art and Design, taking courses with Jürg Stäuble, Muda Mathis and Dr. Roman Kurzmeyer. Hostettler’s work has featured in museums and galleries in his native Switzerland such as in the Kunsthalle Basel, the Kunsthaus Baselland and the Solothurn Art Museum, as well as abroad. He has shown in exhibition spaces in the US and Canada in New York, Ruthland (VT) and Montréal.

Jan Hostettler has been awarded bursaries and grants from the Kunstverein der Stadt Solothurn, the Fine Art Prize of the Kanton Solothurn, travel grants from the Atelier Mondial and the Albert Friedrich His Stiftung in Basel and a residency at the Fonderie Darling in Montréal, Canada.

 

Anita Vogt (*1987)
Studied German literature, philosophy and comparative literature at Basel University, focussing on the literary and cultural practices and theories of aesthetics.

 

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